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A L T E R S S T U F E N

eine Kurzfassung

   
 
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"Das Kind als soziales Wesen zu erkennen, heisst selber sozial werden, heisst, die ewige Kindheit in sich zu erwecken, sich zu wandeln, um den Krug des Vertrauens, den jedes Kind neu auffüllt, in den Händen vor sich herzutragen»

Karl König Begründer der heilpädagogischen Camphill-Bewegung

kochen

 

 
   

Das Ziel unserer Schule ist es, der Individualität des behinderten Kindes zur grösstmöglichen Entfaltung der in ihm veranlagten Kräfte und Fähigkeiten zu verhelfen. Dies setzt ein Wissen um die Gesetze der menschlichen Entwicklung, wie sie sich in den Altersstufen zeigt, voraus. Durch die Menschenkunde Rudolf Steiners (1861-1925) ist eine allgemeine Grundlage und eine praxisnahe Hilfe geschaffen worden, welche es ermöglicht, die Gesetzmässigkeiten der menschlichen Entwicklung zu verstehen und im alltäglichen Unterricht fruchtbar zu machen.

   

Dementsprechend wird der Lehrplan der Rudolf-Steiner-Schulen auf die seelische Entwicklung der Schüler unserer Schule abgestimmt. Auf dieser Grundlage setzen wir die Schwerpunkte unserer Unterrichtstätigkeit und wählen die Stoffgebiete aus, in Berücksichtigung der besonderen heilpädagogischen Bedürfnisse, ohne den Stoff in seinem bildenden Gehalt zu verringern. Denn auch unsere Schüler vollziehen, wenn auch in ganz individueller Weise und mit mancherlei Schwierigkeiten, grundsätzlich die gleichen seelischen Entwicklungsschritte wie normale Schüler. Solche Schritte finden beispielsweise im Zahnwechsel oder in der Pubertät ihren körperlichen Ausdruck.

Deswegen werden die Schülerinnen und Schüler bei uns in etwa gleichen Altersgruppen zusammengefasst. Der Bildungsweg führt vom Kindergarten über die Unterstufe (1. - 3.Klasse), Mittelstufe (4. - 6. Klasse), Oberstufe (7.- 9.Klasse) bis hin zur Werkstufe (10. Schuljahr), nach welcher uns die Schülerinnen und Schüler mit etwa 18 Jahren verlassen.

Grundstufe (4-8 Jahre)

 

Im Kindergarten-Alter lebt das Kind vor allem in der Nachahmung. Durch verschiedene Störungen, z.B. Entwicklungsrückstand, Einseitigkeiten der Sinneswahrnehmung oder Störungen in der Motorik, Sprach- und Denkfähigkeit, verzögert sich auch die Nachahmungsfähigkeit. Durch das künstlerische Tun in Wort, Ton und Bewegung, angeregt und gestaltet durch die Kindergärtnerin, sowie durch übendes Wiederholen, kann die Fähigkeit zur Nachahmung im Kinde gestärkt und Freude am sinnvollen Tun geweckt werden.

Bewegungsspiele, in welchen das Kind seinen eigenen Leib betätigen und erfahren kann, sind in diesem Alter besonders wichtig. Eine Hilfe, sich mit der Welt zu verbinden, kann dem Kind auch durch das Erleben der betreffenden Jahreszeit gegeben werden. Die Kindergärtnerin gestaltet dementsprechend das Schulzimmer aus, sie richtet z.B. im Herbst einen Tisch mit reifen Früchten her. In der Adventszeit wird das Zimmer im Hinblick auf das kommende Weihnachtsgeschehen ausgeschmückt. - Freilich werden auch die Bestrebungen zum Selbstständigwerden in den Bereichen des Essens, Waschens, Ankleidens usw. gefördert, so dass das Kind auch von dieser Seite her zur Schülerin, zum Schüler heranwachsen kann.

Unterstufe (1.- 3. Schuljahr)  

"Sagst du es mir, so vergesse ich, Zeigst du es mir, so merke ich es mir - vielleicht Lässt du mich teilnehmen, so verstehe ich es."
Chinesisches Sprichwort

Jedes Mal, wenn die Arbeit mit einer neuen Klasse beginnt, kann man als Lehrer eindrücklich erleben, mit welchem Stolz und vor allem Vertrauen auch unsere behinderten Kinder das Schulzimmer betreten. Diejenigen, welche aus unserem eigenen Kindergarten wohlvorbereitet und mit den Räumlichkeiten vertraut in die neue Klasse kommen, bilden gleichsam das Fundament für die neu hinzukommenden Schülerinnen und Schüler, so dass sich sehr rasch eine Klassengemeinschaft bilden kann. - In den ersten zwei Schuljahren ist vor allem die in Sympathie erlebte Autorität der Lehrerin oder des Lehrers, welche für die Kinder massgebend ist und welcher sie nachfolgen möchten. Dabei handelt es sich nicht mehr um das unbewusste Nachahmen wie im Kindergarten, sondern um ein stärker bewusstes Nachfolgenwollen gegenüber der geliebten, berechtigten Autorität. Dieses Vorbildsein verlangt von der Lehrerpersönlichkeit eine grosse moralische Verantwortung.

Der schulische Schwerpunkt liegt, neben allen anderen therapeutischen Massnahmen, bei der Einführung der Buchstaben und Zahlen. Dabei wird nicht nur der Intellekt, sondern der ganze Mensch angesprochen: Gliedmassen, Herz und Kopf. Durch Zeichnen von Formen, Malen sinngemässer Bilder, durch rhythmische Übungen in Form von Stampfen, Klatschen, Anschlagen von Instrumenten und dergleichen, sowie durch Geschichten, die zu den einzelnen Buchstaben hinführen, werden die Begriffe eingeprägt und die Merkfähigkeit beim Schüler gefördert.

Es ist für den Lehrer ein geradezu wunderbares Erlebnis zu sehen, wie auch schwächere Schülerinnen und Schüler, die sich nicht gut äussern können, durch das künstlerische Tun zum Erfassen von Buchstaben und Zahlen und zu bleibenden Kenntnissen gelangen können.

Ein Umschwung in der dritten Klasse

n diesem Alter sind die Schüler an einem Wendepunkt angelangt. Als Lehrer kann man feststellen, dass zwischen dem 9. und 10. Lebensjahr bedeutsame Veränderungen vorgehen. Die einst verehrte und geliebte Autorität wird vermehrt in Frage gestellt und es ist, als ob die Schülerinnen und Schüler "heimatlos» würden. Sie haben den Himmel verlassen, aber die Erde noch nicht gefunden. Auf diese Verän derungen nimmt der Lehrstoff Rücksicht, er greift die seelische Situation auf und weist den Weg für die später eintretende Erdenreife, die Pubertät. So wird die Erschaffung der Welt im Sinne des biblischen Schöpfungsberichtes und die Vertreibung des Menschen aus dem Paradies geschildert. Die Krise des Urmenschen wird erlebbar, aber sie wird gleichzeitig dadurch aufgefangen, dass das Kind in die wichtigsten Berufe wie Bauer, Bäcker, Schmied, Bauhandwerker eingeführt wird. Vor allem beim Thema "Hausbau» mit seinen vielen handwerklichen Tätigkeiten können die Schüler erfahren, wie der Mensch, der das Paradies verlassen musste, sich nun die Erde zu seinem Lebensraum gestalten darf.

Mittelstufe (4.- 6. Schuljahr)

 

Beim Übergang in die Mittelstufe spüren die Lehrer, und vor allem auch die Fachlehrer, dass das Unterrichten mehr Kraft erfordert. Das staunende Zuhören und die selbstverständliche Hingabe an das Vorbild weichen einem zunehmenden Hinterfragen: stimmt es eigentlich, was du da erzählst? Zu dieser Zeit beginnt das Kind, das Eigensein und die umgebende Welt getrennt zu erleben und letztere gefühlsmässig in Frage zu stellen. Es entwickelt vor allem einen ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit, begleitet von starken Gefühlsschwankungen, die jetzt immer wieder auftreten: Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt.

Gleichzeitig können sich aber auch feste, dauernde Freundschaften bilden.

Je nach Krankheitsbild drückt sich das bei unseren Schülern in übertriebener Kontaktfreudigkeit oder Kontaktlosigkeit aus. Angesichts dieser Phänomene orientiert sich der Lehrplan am Gebiet von Humor und Ernst. Am Wechsel von Zuhören und Tätigsein versucht der Lehrer, das Tor zur näheren und weiteren Umgebung zu öffnen. Bedeutende Hilfen sind dabei die Themen Heimatkunde, Menschen-, Tier und Pflanzenkunde. Wenn diese Unterrichtsgebiete in lebendig-künstlerischer Art vorgetragen werden, verhelfen sie den Schülern in dieser Lebensphase zum Verständnis ihres eigenen Wesens und zu einem bewussten Verarbeiten aller Eindrücke. Es wird neues Vertrauen zur Umgebung und zum Menschen angelegt.

Oberstufe (6.- 9. Schuljahr)  

In der Oberstufe kommt der Jugendliche oft in eine schwierige Lage, weil seine seelisch geistigen Kräfte den körperlichen Prozessen, die sich während der Pubertät abspielen, nicht gewachsen sind. Die hervorbrechenden Gefühle erzeugen Unruhe und Unsicherheit. Auch werden sich viele Schüler in dieser Zeit ihrer Unzulänglichkeiten und ihres Andersseins bewusst. Dennoch besteht gerade in diesem Alter ein tiefes Verlangen, sich mit den äusseren Verhältnissen auseinanderzusetzen. Gelingt es, im jungen Menschen ein wacheres Interesse an der Umwelt zu wecken, wird er sich in richtiger Weise in das Leben eingegliedert fühlen.

Auch für diese Altersstufe zeigt der Lehrplan eine Fülle von Möglichkeiten und Bildungsinhalten auf, die dieser Sehnsucht entgegenkommen. So zum Beispiel eine Epoche mit der erweiterten Menschenkunde, die den Schüler mit dem eigenen Körper und seinen Prozessen vertraut macht. Dabei kann der Lehrer wiederum erleben, mit welchem Ernst und Engagement die Schüler gerade dieses Thema verfolgen.

Aber auch die Erscheinungen in der Atmosphäre wie Wolken, Wind, Regen oder der Anblick des gestirnten Himmels tragen dazu bei, beim Schüler den Horizont zu erweitern und dadurch sich weniger mit sich selbst und den subjektiven Problemen zu beschäftigen. Eindrücklich ist die Erinnerung an eine Schülerin mit Down Syndrom, die sehr in sich gefangen war und kaum redete. Bei der betreffenden Epoche machte sie den Lehrer jeden Tag auf das Wetter aufmerksam! - Auch Fächer, in denen man die direkte Beobachtung von Phänomenen übt, etwa optische und mechanische Erscheinungen im Rahmen der Physik, sind wichtige Elemente in diesem Lebensabschnitt.

Kraft für das Bewältigen des eigenen Schicksals entwickelt sich, wenn man das Leben eines anderen Menschen, seine Biografie, kennen lernt, zum Beispiel von Persönlichkeiten, die durch Mut, Hingabe und Durchhaltekraft einen bedeutenden Beitrag für die Menschheit geleistet haben. Wir nennen: Florence Nightingale, David Livingstone, Henri Dunant, Vincent van Gogh.

Werksstufe (10 . bis 12. Schuljahr)

Berufsfindungsjahre

 

in dieser Stufe liegt der Schwerpunkt auf dem handwerklichen Tun. Dabei tritt die früher berechtigte und anerkannte Autorität der Lehrerpersönlichkeit immer mehr zurück und macht der «Autorität des Materials» Platz. Es handelt sich um das Material, mit dem täglich gearbeitet wird und dessen Gesetze bestimmend sind. Die Schüler lernen diese Gesetzmässigkeiten kennen und erlernen die betreffenden Arbeitsprozesse kennen. So gewinnen sie Denkerfahrungen und Selbstvertrauen durch das eigene, gezielte Tun.

Es ist deshalb wichtig, dass die jungen Menschen im Hinblick auf das spätere Leben mit verschiedenen Arbeitstechniken vertraut werden, bevor sie im späteren beruflichen Eingliederungsprozess eine spezialisierte Tätigkeit übernehmen.

So wird in der Abschlussklasse mit Textilien, Papier, Holz, Metall, Ton und Stein gearbeitet. Bei sehr schwachen Schülern kann das blosse Üben der betreffenden Tätigkeit schon Fortschritte bringen und deren Konzentrations- und Durchhaltevermögen steigern. Schüler, welche die entsprechenden Fähigkeiten entwickelt haben, werden auch in die Handhabung von Holzbearbeitungsmaschinen eingeführt.

Ergänzend zum Unterricht finden auch direkte Einblicke ins Berufsleben statt. Besuche von Fabriken, von Fertigungsbetrieben mit verschiedenen Produktionsabläufen mit den zugehörigen Erläuterungen gehören zu den wichtigen Erlebnissen in diesem Lebensabschnitt. - Das künstlerische Element, das während der ganzen Schulzeit durch Eurythmie, Musik, Malen, Sprache und Theater gepflegt wurde, erhält jetzt Unterstützung durch den Besuch von Konzerten, Museen und Ausstellungen.

Zu erwähnen ist aber auch die Pflege des sozialen Elementes, des Gefühls für die ganze Schulgemeinschaft. Dazu dienen gemeinsame Schul lager, Theater-Aufführungen, Gestaltung von Jahresfesten und nicht zuletzt - die so wichtige Zusammenarbeit mit den Eltern.

Mit Genugtuung dürfen wir feststellen, dass viele unserer ehemaligen Schüler uns wiederholt besuchen und sich gerne an ihre Schulzeit erinnern. Dass sie ihren späteren Lebensweg finden und sich im Berufsleben bewähren ist für die ganze Schulgemeinschaft wohl die wesentlichste Erfahrung. Sie ruft uns dazu auf, das heilpädagogische Werk weiterzutragen, das Bisherige zu überprüfen und der Arbeit durch ständige Fortbildung erneuernde Impulse zuzuführen.